Eine Weihnachtsgeschichte

Das Brauchtum besagt, dass an Weihnachten in der heiligen Nacht die Tiere sprechen können. Sie reden unsere Sprache. So auch die Pferde, wenn sie in den Stallungen stehen. Worüber Sie sich tatsächlich unterhalten weiß keiner, aber vielleicht geht es so manchen, wie denen aus dieser Geschichte:

Es war kalt. Die Erde war mit einer zarten Schneeschicht überzogen. Es war der 24.12. und Anna war noch schnell zu ihrem Pferd gefahren, um zu schauen, ob alles gut mit ihm ist. Sie hat ihn nun seit 5 Jahren. Er war ein Rappe mit einem weißen Huf und einen kleinen Stern auf der Stirn. Es war Liebe auf den ersten Blick

Damals ritt sie noch in einer Reitschule in der Nähe. Sie kam auf den Hof und wurde von ihrer Freundin empfangen. Sie hatten immer dienstags zusammen Reiten.  „Hey! Hast du schon das neue Pferd gesehen? Ein schicker Kerl sag ich dir!“  „WAAAS? Ein neues Pferd? Wo?“  Sie gingen aufgeregt zusammen zu der Box. Anna sah Miraculi, so hieß die Schönheit, auch wenn er reichlich wenig mit Spaghetti mit Tomatensoße zu tun hatte, und wusste: Das ist MEIN Pferd! Naja und so kam es, wie es kommen musste. Wenig später und gegen die Vernunft, kaufte Anna ihn. Jetzt, fünf Jahre, ein paar Stallwechsel und einige mehr oder wenige schlaue Tipps von anderen Pferdebesitzern später, waren sie schon ganz gut eingespielt. Vieles konnten sie schon zusammen machen. Hufauskratzen war inzwischen kein Problem mehr und auch beim Reiten lief es immer besser. Anna war froh mit ihrem Pferd und bereute nie, es gekauft zu haben, auch wenn vieles noch verbessert werden könnte. Sie hatte schon Einiges ausprobiert, aber ihr fehlte noch der Punkt auf dem I. Das Itzelchen, was man eben nicht durch Training, erreichen kann: wirkliches Vertrauen und Verständnis. Sie wusste, dass das ein langer Weg war. Leider kam es ihr so vor, als hätte sie zusätzlich bis jetzt versäumt, den ersten Schritt zu machen. Sie wusste einfach nicht wie.

 

Es war schon 16 Uhr und Anna hatte nicht so viel Zeit. Um 18 Uhr kamen ihre Eltern vorbei und sie musste noch das Essen vorbereiten. Egal. Jetzt war sie beim Pferd. Sie kam auf dem Hof, der sehr leer war. Offensichtlich hatte nicht alle an Weihnachten Zeit für ihr Pferd. Oder nahmen sich keine. Umso besser, dann war sie allein.  Anna kam in den Stall und hörte schon ein freudiges Wiehern. Das war ihrer. Sie erkannte die Stimme sofort. Er stand da und sah sie an. Sie hatte zur Feier des Tages ein paar Möhren dabei und gab sie ihm. Er aß sie schmatzend. Das war anscheinend sehr lecker. Sie meinte: „Ach Großer, wenn du wüsstest. Gleich wird es wieder stressig. Die ganze Familie kommt und alle haben immer ihre Ansprüche. Komm wir gehen noch mal schnell in die Halle.“ Sie zog ihm das Halfter an und trottete zur Reithalle. Sie ließ ihn laufen. Sie machte alles wie immer. Er war wild und bockte und rannte und wälzte sich. Hinterher schnaubte er ab und die beiden gingen wider zum Stall. Sie hatte heute keine Zeit für mehr und machte sich auf den Weg, um Weihnachten zu feiern.

 

Und während sie zu Hause saß, ein Gläschen Wein trank und mit ihrer Familie die Geschenke austauschte, wurde es Abend und schließlich Nacht. Die Menschen schliefen und die Pferde wachten. Miraculi ging zu seinem Kumpel. Einem dicken braunen Wallach, von dem man weder Rasse noch Alter genau wusste und sagte: „Du? Ich war eben in der Halle rennen. Das hat richtig gut getan. Im Winter kann man sich auf dem Auslauf ja nicht so viel bewegen und da hat das Toben richtig Spaß gemacht. Aber weißt du, was ich da gedacht habe?“ „Nee, was denn?“, antwortete Toni, so hieß der Wallach. „Anna sagt immer so komische Dinge. Manchmal denke ich, die versteht mich gar nicht.“ „Wieso? Erzähl mir mal ein Beispiel“, bat Toni seinen Freund. „Naja … zum Beispiel sind wir heute in die Halle gegangen und dann bin ich erst mal rumgelaufen. Dann hat sie mich geschickt und so getan als wüsste sie, wo es längs geht. Im nächsten Augenblick benimmt sie sich demütig und geht rückwärts. Dann schickt sie mich von vorne weg und verfolgt mich, so, als wenn sie die Regeln nicht kennt. Manchmal denke ich, sie kennt sich aus, aber im nächsten Augenblick macht sie so komische, widersprüchliche Dinge. Immer, wenn ich mich wälze, dann freut sie sich, aber wenn ich dann die Führung wirklich übernehmen will und ihr zeigen möchte, dass dieser komische Pferdehänger wirklich gefährlich ist, dann wird sie sauer und will mich zwingen. Aber vorher hatte sie doch was ganz anderes gesagt und war damit einverstanden, wie ich denke. Ich bin da ratlos. Ich meine, ich mag sie ja echt gern, aber kapier es nicht. Ich will doch einfach verstehen, was los ist und selbst verstanden werden. Hast du einen Rat für mich?“ „Ach mein lieber Miraculi. Es gibt Sachen, die machen die Menschen einfach komisch. Aber ich glaube, wir dürfen nie aufgeben. Es kommt der Tag, an denen nicht nur die Tiere sprechen können, sondern auch die Menschen. Nur wir müssen weitermachen. Niemals aufgeben. Niemals kapitulieren, oder wie sagt man so schön? Sie ist ja eine ganz nette eigentlich.“ „Hmmm, ja das stimmt.“ „Ja, Menschen gehören doch wie die Pferde zu unserem Leben, nicht wahr? Und dann müssen wir uns doch auch verständigen können! Ich glaube, es wird ein Tag kommen, an dem sich das ändert. Du wirst schon noch sehen …“ Und so trotteten die beiden Pferde zur ihrer Heuraufe und futterten.

 

Es vergingen der erste und der zweite Weihnachtsfeiertag. Am dritten Tag nach Weihnachten kam Anna wieder in den Stall und war voller Tatendrang. Sie hatte ein neues Buch zu Weihnachten bekommen: "Was Pferde wollen" von Gertrud Pysall. Voller Eifer hatte sie es verschlungen und wollte direkt alles in die Tat umsetzten. Sie hatte vieles verstanden und sah die Welt nun mit anderen Augen. Anna ging zu ihrem Pferd und nahm es mit in die Halle. Diesmal würde sie nicht so blind sein und so wortkarg wie die letzten fünf Jahre. Sie hatte sich einen Plan geschmiedet und wollte reden. Es hatte so viele Irrtümer gegeben, aber das sollte sich jetzt ändern. Es ist nie zu spät, etwas richtiger zu machen.

 

Anna ließ Miraculi erst frei in der Halle laufen und brachte ihn dann wieder in den Stall. Bürstete ihn noch ein bisschen. Er wirkte so zufrieden jetzt. Sie merkte ihm aber an, dass er noch sehr am Grübeln war, was das eben gewesen ist. Das Putzen war entspannter als sonst. Sie standen da beide ganz ruhig und er ließ die Unterlippe baumeln. Sonst war sie eher angespannt. Nach einer ganzen Weile der Zweisamkeit brachte sie ihn wieder zurück und fuhr nach Hause.

 

Miraculi stand im Auslauf und dachte nach. Toni sah ihn so und kam auf ihn zu: „Was ist los? Worüber denkst du nach? War Anna noch missverständlicher als letztens? Ich habe dir ja gesagt, dass es braucht. Dass irgendwann-“ Miraculi unterbrach ihn: „Nein. Anna war heute ganz anders. Schon als sie den Stall betreten hat, habe ich das gemerkt. Sie wirkte so entschlossen. Wir kamen in die Halle und dann hat sie die erstmal in Anspruch genommen und da hin gekotet. Ich habe mehrmals den Geruch überprüft. Das war tatsächlich von Anna. Ich kann es immernoch nicht fassen. Dann hat sie mich wieder von vorne geschickt und folgte mir diesmal nicht. Ich war so überrumpelt, dass ich gar nicht mitbekommen hab, wie sie ihre Kreise enger zog und mich einkreiste. Sie war so eindeutig heute. Das finde ich ganz verrückt. Das ist unglaublich. Aber toll. Weißt du, was ich glaube?“ „Nein“, sagte Toni. „Ich glaube an Weihnachten können nicht nur die Tiere reden, sondern auch die Menschen sprechen lernen!“

 

 

 

In diesem Sinne wünschen wir ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest. Auf dass so maches Pferd einen sprechenden Besitzer erhält und die Zukunft für beide schöner wird. Denn das ist es doch, was wir wollen und was die Pferde wollen!