Mein Pferd wälzt- Es vertraut mir!

Sucht man im Internet, so findet man immer wieder die Frage: „Mein Pferd wälzt. Ist das ein Vertrauensbeweis?“ oder anders „Mein Pferd wälzt nicht, wenn ich dabei bin. Vertraut es mir also nicht?“ Darunter kommen dann Antworten wie: „Jaha! Wälzen ist ein Vertrauensbeweis. Denn wenn sich das Pferd hinlegt, dann ist es in dem Moment hilflos. Der Mensch bewacht es und passt auf es auf.“ Es wird geratschlagt, das Pferd nass zu machen, damit es sich dann vielleicht wälzt, damit es nun endlich vertraut. Aber kann man das Wälzen nutzen, um das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen?

Wälzen. Wälzen ist nicht gleich wälzen. Es kann ganz verschiedene Dinge bedeuten und muss je nach Situation bewertet werden. Wälzen kann ein Ausdruck für Schmerz sein. Pferde mit Koliken, haben das dringende Bedürfnis sich hinzulegen. Bei Darmverschlingungen ist das noch häufiger zu beobachten und fast zwanghaft. Wälzen kann aber auch das Gegenteil aussagen und aus Wohlbehagen geschehen. So sind Pferde oft nach dem Reiten am Rücken geschwitzt und das juckt sie. Dann möchten sie sich gerne kratzen. Da sie nicht Hände haben wie wir, wird der Boden als Scheuerobjekt genutzt. Zudem ist Wälzen aber auch eine Vokabel in der Pferdesprache. Genauso wie mit Kot und Urin hinterlassen die Pferde mit dem Wälzen ihre Duftmarke auf dem Boden und markieren damit. In unsere Sprache übersetzt, heißt das: Diese Stelle nehme ich in Anspruch! Das gehört mir. Diese Aussage trifft das Pferd immer, unabhängig davon, ob es wälzt aus Wohlbehagen oder um gezielt zu kommunizieren.

Wenn Schmerz der Grund ist, dann ist das anders. Das wird von anderen Pferden nicht als markieren wahrgenommen. Vielleicht liegt es daran, dass das kranke Tier andere Pheromone hat und die Stelle anders riecht als normal. Der Vorgang des Wälzens ist bei einem Kolik Pferd auch anders: Normalerweise wird zuerst der Boden geprüft, ob er geeignet ist, um sich dort hinzulegen. Die Pferde scharren mit den Vorderbeinen und riechen ihn ab. Oft ziehen sie erst Kreise, bis sie die richtige Position gefunden haben. Dann wird sich gewälzt. Es wird sich genüsslich gerieben und geschnaubt. Oft pflegen sie sich noch die Fesselbeugen, stehen dann freudig auf und schütteln sich. Schnaubend gehen sie von dannen. Bei Schmerzen ist das Wälzen eher hektisch und plötzlich. Die Pferde schmeißen sich unvermittelt auf den Boden. Es wird nichts geprüft und sie zeigen natürlich kein Wohlbefinden dabei.  Wenn sie wieder aufstehen, dann schütteln sie sich nicht.  Auch an diesem Verhalten kann man ablesen, dass es sich hierbei nicht um ein Markieren des Reviers handelt. Im weiteren Verlauf geht es also nun immer um das Wälzen, mit dem auch eine Aussage getroffen werden soll.

 

Pferde wälzen nur, wenn sie der Situation vertrauen. So wurde es auch, wie oben beschrieben, im Forum beantwortet. Das stimmt ein Stück weit, muss aber differenziert werden. Wenn ich mich als Mensch hinlege, bin ich ebenso hilflos. Nehmen wir an, ich bin in einem Zimmer mit einem kleinen Kind. In dem Raum steht ein Bett mit Tisch und Stuhl. Weil ich erschöpft bin, lege ich mich auf das Bett, um mich auszuruhen. Vertraue ich jetzt dem Kind? Wohl eher nicht. Ich weiß, dass es mir nichts tut. Genauso wie das Bett oder der Stuhl nicht plötzlich über mich herfallen werden, so wird das Kind mir auch keinen Schaden zufügen. Ich hätte mich genauso hingelegt, wenn das Kind nicht in dem Raum gewesen wäre. Also liegt das Vertrauen in der Situation und nicht in der Existenz des Kindes, was mich bewacht. Andere Situation: Ich bin mit dem gleichen Kind in demselben Zimmer, alles ist genauso wie eben. Jedoch sind wir in einem fremden Land, können die Sprache nicht und werden gefangen gehalten. Jetzt würde ich mich nicht auf das Bett legen und ein bisschen dösen. Das wäre mir zu gefährlich. Es liegt also nicht an der Präsenz des Kindes, ob ich der Situation vertrauen kann, sondern an der Situation selbst.

Genauso ist es auch, wenn das Pferd wälzt. Wenn es wälzt, dann vertraut es der Situation. Es vertraut darauf, dass der Boden es trägt und in der näheren Umgebung keine Gefahr lauert. Es denkt also nicht, dass der Mensch seine Hilflosigkeit ausnutzt und ihm schaden würde, wenn es wälzt. 

 

Nun gibt es Menschen, die sagen: „Aber mein Pferd wälzt immer nur, wenn ich dabei bin! Das heißt doch, dass es nicht den Gegebenheiten vertraut, sondern doch mir! Sonst würde es auch wälzen, wenn es allein ist.“  Wenn ein Pferd nur in Anwesenheit dieses Menschen wälzt, dann hat das andere Gründe. Wie beschrieben, ist Wälzen nicht nur eine Tätigkeit, sondern auch eine Aussage. Das Pferd sagt also etwas. Das tut es nur, wenn es auch einen Gesprächspartner hat. Kommt der Mensch nun mit seinem Pferd in die Halle und dieses legt sich hin und wälzt, dann drückt es damit aus, dass es von sich glaubt, ranghöher zu sein und somit die Halle für sich in Anspruch nehmen zu können. Es gibt eine Pferderegel, die heißt: Wer zuerst wälzt, der hat den höheren Rang. Somit fährt das Pferd zwei Siege ein: Es hat zuerst gewälzt, ist somit ranghöher als der Mensch und es hat zusätzlich noch einen Platz in der Halle in Anspruch genommen. Wenn der Mensch dann mit Tränen in den Augen und überglücklich danebensteht, weil „das Pferd ihm ja vertraut“, dann interpretiert das Pferd dieses Verhalten als Einverständnis und ist rundum zufrieden. Beide verlassen froh die Halle, denken aber völlig unterschiedliche Dinge. Und das ist der Haken.

 

Wenn wir also nicht das Vertrauen des Pferdes gewinnen, indem wir es bei uns wälzen lassen, wie machen wir es dann? Dafür gibt es auch schlaue Tipps im Internet. Es gibt ja nun mal Pferde, die sich „leider“ nicht wälzen, wenn der Mensch dabei ist. Aber auch solche Pferde sollen Vertrauen fassen. Hierzu werden dann Leckerli oder sonstiges Futter gerne benutzt. Wenn man sich Pferdeherden anguckt, dann sieht man allerdings kein Pferd, das ein anderes mit Futter bezirzt, um sich eine Freundschaft zu ergattern. In der freien Wildbahn wäre das auch gar nicht möglich. Die Pferde stehen auf riesigen Grasflächen, auf denen jeder einfach da frisst, wo er sich grade aufhält. Kein Pferd würde ein paar besonders schöne Grashalme ausrupfen, diese zu einem anderen Pferd tragen und mit einem freudigen Wiehern vor dessen Hufe ablegen und das als vertrauensbildende Maßnahme immer mal wieder wiederholen. Das klingt absurd und ist es auch. Pferde sind bereit, für Futter einiges zu tun und sich zu überwinden. Umso leckerer das präsentierte Mahl ist, desto eher werden vermeidlich gefährliche Dinge auf sich genommen. Das Vertrauen entsteht dann nicht durch das Futter, sondern durch die Erfahrung, auf die sich die Pferde einlassen, wegen des Futters. Sie merken, dass das, was geübt werden soll, nicht schlimm ist. Das ist allerdings nur so, wenn es sich um eine Situation handelt, in die allgemein vertraut werden soll. Ein Mensch wird nicht durch ein paar Möhren vertrauenswürdig. Das Pferd lernt, wenn es Angst vor dem Menschen hat und scheu ist, durch Futter, dass es sich nicht fürchten muss. Es überwindet sein Unbehagen, weil es fressen will. Dadurch merkt es, dass ihm nichts passiert. Durch Konditionierung und häufige Wiederholungen bekommt das Pferd Vertrauen in die Situation, sodass der Mensch aus seiner Sicht irgendwann auch ohne Futter keine Gefahr mehr darstellt. Jedoch herrscht kein grundsätzliches Vertrauen, was man daran sieht, dass es auch danach immer wieder Momente gibt, in denen das Pferd Angst hat und sich nicht nur durch die bloße Anwesenheit des Menschen einlässt, bestimmte Dinge zu tun.

 

Gut, also ist Futter nun auch raus. Was kann ich also tun, um das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen. Stellen wir uns wieder eine Pferdeherde vor: Dem Leittier wird vertraut, weil es kompetent ist. Genauso müssen wir auch sein. Wir müssen gerecht sein, dürfen uns nicht vor allem und jedem fürchten und müssen kurz gesagt viel können. Wenn das Pferd denken soll, dass wir ein Leittier sind, was stark, kräftig, schnell und schlau ist, müssen wir stark, kräftig, schnell und schlau sein. Hierzu nutzt uns das Motiva. Wir kommunizieren in der Sprache der Pferde mit ihm und bekommen so die Position des Leitieres. Dadurch werden wir eine Person, der man vertrauen kann, was sich dann in Alltagssituationen zeigt. Das Pferd hat eine so gute Beziehung zu dem Menschen, dass es nicht mehr mit Futter überzeugt werden muss. Doch so eine Position dem Pferd gegenüber muss man sich erwirtschaften und dann stetig unter Beweis stellen. Zum Beispiel lassen wir unser Pferd nicht munter wälzen und freuen uns darüber. Wenn das Pferd diese Aussage treffen will, dann kennen wir seine Haltung uns gegenüber: Wir sind rangniedriger. Das sollte man so nicht hinnehmen und es wäre ratsam, dem etwas entgegensetzten. Zum Beispiel kann man das Wälzen verhindern und danach noch eine andere starke Aussage treffen. Dafür gibt es dann zahlreiche Möglichkeiten, die jetzt zu umfassend wären zu erklären. Wenn man dem Pferd das Wälzen gönnt und es nicht vereiteln will, dann kann man es sich einfach sich selbst überlassen, die Halle verlassen und wiederkommen, wenn es fertig ist. Hat es nicht gewälzt, weil wir nicht da waren, dann wissen wir jetzt, was es heißt.