Therapie von Pferden

Leider sind sogenannte Problempferde keine Seltenheit. Ganz im Gegenteil: Die Anzahl der verhaltensgestörten Pferde wächst. Unsere Leidenschaft sind die Pferde und deswegen ist es uns ein besonderes Anliegen, solchen Tieren zu helfen und ihnen so ein glückliches Leben zu ermöglichen. 

Die Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten von Pferden liegen unserer Erfahrung nach in den meisten Fällen entweder in einer gestörten Sprach- und Sozialfähigkeit des Pferdes oder mangelnder Ausbildung des Pferdebesitzers.

 

Manche Konflikte lassen sich bereits durch Schulung der Besitzer auflösen, ohne dass wir die Pferde gesehen haben. Bei anderen ist es sinnvoll, das Pferd für eine Weile bei uns auf den Hof zu stellen, sodass wir es therapieren können.

Wenn Sie ebenfalls Probleme im alltäglichen Umgang mit ihrem Pferd haben, die sich nicht einfach lösen lassen, dann kontaktieren Sie uns gerne.

 

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Fallbeispiel: Fideles

Fideles kam vor einiger Zeit zu uns auf den Hof, da er als schwierig betitelt wurde. Er war zu dem Zeitpunkt 4 Jahre alt und galt als unreitbar. Beim Beritt sind einige Unfälle passiert.

Bei näherem Hinschauen stellte sich heraus, dass er kein Vertrauen zum Menschen hatte, keine Beziehungsfähigkeit besaß und zudem sozial- und sprachbehindert war. 

Er kam zu uns in Therapie.

Im Folgenden erfahrt ihr mehr über seine Geschichte.

Fideles Verhalten bei Beginn der Therapie

Mit Menschen

Fideles Verhalten zu den Menschen und auch seine innere Haltung dem Menschen gegenüber war leider sehr negativ: Zusammenfassend waren es drei große Probleme, die sich immer wieder äußerten.

  • Fideles wollte und hatte keine Bindung zu Menschen.
  • Er hatte auch kein Interesse in Kontakt zum Menschen zu treten.
  • Hinzu kamen einige Vorbehalte dem Menschen gegenüber. Er erwartete, dass sich schlechte Erfahrungen wiederholten.
Die fehlende Beziehungsfähigkeit zeigte sich vor allem, wenn Fideles nicht am Halfter war, sondern frei wählen konnte. Wurde er nicht durch den Menschen festgehalten, so lief er vom Menschen weg, unternahm etwas für sich und schaute nicht mal, was der Mensch tat. Für ein Pferd, das den Sozialverband zum Leben braucht, muss ein großes seelisches Defizit bestehen, wenn es die Einsamkeit wählt. Wollte man Fideles mit der Hand berühren, so wich er immer aus. Es wirkte so, als bereitete ihm der Körperkontakt Schmerzen. Physisch waren die sicherlich nicht vorhanden, psychisch war es für ihn bestimmt schwerauszuhalten. Dieses Berührtwerden war vor allem ein Problem bei dem Kontakt von Haut zu Fell. Nahm man statt der Hände eine Bürste, so duldete er die Berührung. Wirklich genießen konnte er es aber auch dann nicht.
Halfter anziehen ging nur mit viel Geduld. Er wich immer wieder aus. 

Mit Pferden

Bei Pferden verhielt sich Fideles kontaktfreudiger als beim Menschen. Er suchte die Nähe. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass er leider durch seine Aufzucht nicht wirklich die Pferdesprache sprechen konnte und auch ein eingeschränktes Sozialverhalten besaß. Sprach ein Pferd ihn an, so reagierte er oft nicht. Er ignorierte die Aussage. So eckte er in der Pferdegruppe oft an, weil die anderen sein Verhalten maßregelten.

Nach einer kurzen Zeit freundete sich ein Halflingerwallach mit ihm an. Diese Freundschaft half Fideles sehr, weil er dadurch einen Scout an seiner Seite hatte, der ihn einerseits beschützte aber auch lehrte, wie richtiges Verhalten geht. Bei Pferden wird zum Beispiel nie die momentane Schwäche des Anderen für sich verwendet. Ruht ein Pferd oder wälzt, so wird diese hilflose Situation unter Pferden nie ausgenutzt, um sich selbst zu profilieren. Fideles tat das allerdings. Lag ein Pferd, so ging er schnell um dieses herum und kreiste es ein (Einkreisen: Das was sich im Kries befindet, „gehört“ dem Einkreisenden. Dieser ist ranghöher). Er erhob sich in die Position des Ranghöheren.

 

So ein Verhalten kommt sehr häufig bei Pferden aus Jungpferdeaufzuchten vor. Sie stehen meist ohne erwachsene Tiere und haben deswegen keinen Sprach- und Soziallehrer. Stellen Sie sich an dieser Stelle einen Kindergarten ohne Erzieher vor. Wie würden unsere Kinder sich verhalten, wenn wir sie von drei bis sieben Jahren sich selbst überlassen würden und nur für das körperliche Wohl sorgen? Dass aus solchen Kindern in dieser Zeit keine freundlichen und sozialen Wesen heranwachsen ist sicherlich unumstritten. Unseren Pferden geht es leider genauso.

Es herrscht in solchen Gruppen das Faustrecht, wodurch meist zwei Grundtypen entstehen:

  • Derjenige, der sich durch im Zweifel aggressives Verhalten alles nimmt und gelernt hat durch Unterdrückung ans Ziel zu kommen.
  • Derjenige, der gelernt hat, dass er dem ersten nicht standhalten kann. Er ist meist zurückhaltend und defensiv. Er fordert seine Rechte nicht mehr ein und leidet still.
Beide Typen haben aber eins gemeinsam: Ihr Sozialverhalten und die Sprache sind verkümmert. So auch bei Fideles.

Die Therapie

In der Pferdegruppe

 

Wie eben bereits erwähnt, fand Fideles schnell einen Freund. Durch ihn übte er, wie es sich anfühlt eine Beziehung zu leben. In der Herde wurde sein Fehlverhalten sofort durch die Pferde korrigiert. Kam er unerlaubterweise zu dicht, so wurde er weggeschickt. Näherte er sich korrekt, so durfte er an das andere Pferd heran. All diese Verhaltenskorrekturen verliefen harmlos. Unsere Herde ist sehr sprachgewandt und friedlich. Dadurch ist es möglich, auch sprachbehinderte Pferde aufzunehmen und zu korrigieren.

 

Im Laufe der Zeit sah man sehr deutlich, wie Fideles vom anfänglichen Außenseiter zu einem vollständigen Mitglied der Pferdegruppe heranwuchs.

Mit dem Menschen

 

Um Fideles ein anderes Menschenbild zu geben, war natürlich ein richtiger Alltagsumgang wichtig, aber und vor allem das Motiva. Ihm wurde dabei, genauso wie in der Pferdeherde, das richtige Verhalten gezeigt und das andere korrigiert. Kam er zum Menschen oder ließ Berührung zu, wurde dieses Verhalten sofort bestätigt.


Ein weiterer wichtiger Punkt war, Fideles in seiner Sprachkomplexität zu fördern. Sein Sprachschatz war leider sehr gering. Er kannte schicken und äppeln aber reagierte sonst auf wenige Aussagen. Durch das Motiva und die Pferde lernte er neue Aussagen zu treffen. Hierdurch bekam er mehr Selbstvertrauen. Für ihn war es so möglich, seinen Gedanken und Gefühle Ausdruck zu verleihen. Sie blieben nicht mehr nur in ihm.


Zu Beginn waren seine Aussagen oft zaghaft und zurückhaltend. Er wusste nicht recht, wie man sich als Pferd verhalten soll. Mit der Zeit wurde er immer lebhafter und genoss sichtlich die Zeit mit dem Menschen. Er wurde endlich verstanden. Den Dialogen merkte man gegen Ende seiner Zeit bei uns an, dass es nicht um eine wirkliche Konkurrenz ging, sondern eher um die Unterhaltung an sich. 


Als seine Beziehungsfähigkeit zum Menschen kein Problem mehr darstellte, begannen wir vorsichtig mit einem Training im eigentlichen Sinne. Er wurde regelmäßig longiert. Wir begannen, einen Sattel aufzulegen und bereiteten den Beritt vor. 

 

Das sagt die Besitzerin von Fideles

Wie ich zu einem Pferd kam, das ich zunächst gar nicht mochte oder Liebe auf den 2. Blick.

 

Es handelt sich um einen Oldenburger Hengst, geboren am 25.03.2012 im Ammerland. Ich traf die ersten Male auf Flusi, wie er damals gerufen wurde, weil er mit einem unserer Junghengste zusammen bei einem Hengstaufzüchter stand. Seine Besitzerin und wir sind befreundet, so war es nur naheliegend, dass wir häufig zusammen „zu den Jungs“ fuhren. Mein Fokus lag bei den Besuchen auf unserem Pferd, deshalb nahm ich Flusi nur am Rande war. Er sprach mich auch nicht an - im wahrsten Sinne des Wortes. Ich fand ihn sehr introvertiert und er wirkte oft ängstlich und überfordert.

 

Wie häufig üblich standen die Jährlinge zusammen und die Zweijährigen bildeten eine zweite Gruppe, allesamt ohne erwachsene Pferde. Flusi stand mit unserem Hengst und vier weiteren, die schmächtiger waren, zusammen. Da unsere beiden während des zweiten Winters die anderen ständig vom Futter wegdrängten, wurden sie daraufhin in einem eigenen kleinen Laufstall mit Paddock separiert. Im Sommer auf der Weide liefen wieder alle zusammen, für den nächsten Winter jedoch holte die Besitzerin ihn und unseren Hengst zu sich nach Hause in einen Offenstall.

 

Die Besitzerin begann mit der Gewöhnung und Grundausbildung an der Longe. Ich war mittlerweile hochschwanger und beschränkte mich bei meinem Hengst auf Bodenarbeit und Vorübungen fürs Longieren. Unser Hengst ging dann im Frühsommer zu unserer Bereiterin, mit der wir seit vielen Jahren zusammen arbeiten. So hatte ich Flusi eine längere Zeit nicht gesehen und war überrascht, als die Besitzerin mich im Herbst fragte, ob ich ihr beim Anreiten helfen kann. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie überhaupt Hilfe brauchte. Aber da sie auf ihre Privatanlage häufig ganz alleine war, war die Anfrage verständlich. In meiner Vorstellung würde ich sie ein paar Mal beim Aufsitzen unterstützen, sie später auf dem Pferd führen oder an die Longe nehmen. Doch es kam ganz anders.

Rückblickend wurde mir bewusst, dass Flusi beim Aufsteigen sehr schnell „einfror“. Er hörte auf an der Möhre zu knabbern und machte sich fest. Auch ließ er sich gar nicht gerne anfassen und reagierte auf Kraulen und Streicheln abwehrend. Es gelang mir nicht, ihn „weich“ zu bekommen. Sein Blick blieb starr, das Maul fest und von Vertrauen zu mir und meiner Kompetenz war nichts zu spüren. Mein Bauchgefühl hatte derzeit längst versucht mir zu sagen „da stimmt was nicht“. Aber ich habe immer weitergemacht und so kam der Tag, an dem ich Flusi das erste Mal mit Reiterin im Sattel auf den Reitplatz geführt habe. Leider schossen in dem Augenblick die zwei Stuten los, die direkt im Auslauf nebenan standen. Flusi machte einen Satz und die Besitzerin fiel runter. Alles nicht so schlimm, dachten wir und sie stieg direkt wieder auf. Für ein paar Meter ging das auch, doch dann sagte sie im gleichen Moment, wie ich die Einheit beenden wollte, dass sie seinen Herzschlag schnell klopften spüren würde. In dem Augenblick drehte sich Flusi ruckartig nach rechts weg und am Zaun trennten sich die Wege der beiden. Der Sattel rutschte dabei seitlich weg und sie hat sich gar nicht halten können. Danach waren wir erstmal geschockt. Die Besitzerin hatte sich einiges geprellt und auch Flusi tat der Rücken weh. Das Trauma beim Anreiten war gesetzt.

 

Wir probierten es noch einige Zeit danach, aber wieder wurde er panisch und schoss unkontrollierbar los. Als die Besitzerin erneut runter fiel, habe ich ihr verkündet, dass ich das so nicht mehr vertreten kann. Ich war derzeit noch der Ansicht, dass er mir nicht vertraut, weil wir keine Bindung haben. Von da an verbrachten wir mehr Zeit miteinander und ich stellte fest, dass ihm viele Grundlagen fehlten. Wir fingen in der Grundausbildung vom Boden noch mal von vorne an. Die ganze Zeit über prüfte ich meinen Entschluss, mit ihm keinen Motiva-Dialog ohne die Hilfe von Franziska und Gertrud zu machen. Ich wusste, ihm bin ich nicht gewachsen. Irgendetwas an ihm war anders als an den Pferden, mit denen ich zuvor Motiva gemacht habe. Die Besitzerin war aber aufgeschlossen und so durfte ich ihn mit zum Motiva-Seminar nach Spenge nehmen.

 

Mittlerweile war es Juni 2016 und Flusi 4 Jahre alt, gestempelt als nicht reitbar. Am ersten Tag in Spenge stellte sich in der für ihn allerersten Motiva-Einheit heraus, dass er seine eigene Sprache nur sehr begrenzt beherrschte. Er kannte viele Regeln nicht und war nicht bereit, sich auf ein Gespräch mit Franziska einzulassen. Er zeigte sein typisches Verhaltensmuster, sich Konfliktsituationen zu entziehen. Während des Kurses wurde immer klarer, dass er unzureichend sozialisiert ist und kein Grundvertrauen in den Menschen hat. So sehr ich in der Zeit vor dem Seminar auch noch so souverän und gelassen agierte, er schien gar nicht im Sinn zu haben, dass ich ihm Sicherheit geben kann.

Ich hatte dabei nie die Situation, dass er sich durch Treten, Beißen o. ä. abwehrt. Wenn er unsicher wurde hatte er nur eine Strategie, damit umzugehen: bloß weg hier. Dieses Verhaltensmuster hatte er schon in der Hengstaufzucht etabliert, denn in Ermangelung eines erwachsenen Pferdes gibt es nur das Recht des Stärkeren. Rituale und Regeln wurden nicht gelehrt. Man beißt sich so durch. Flusi hat sich immer hinter unserem selbstbewussten Hengst versteckt und als dieser nicht mehr bei ihm war, war Flusi gänzlich hilflos. Wie wenig er mit Menschen zu tun haben wollte, zeigte sich auch daran, dass man ihn nur über Leckerli das Halfter aufziehen konnte. Dabei prüfte er zuerst, ob man auch eines dabei hatte. War die Hand leer, war er enttäuscht und drehte ab. Am Halfter angebunden ließ er zwar alles mit sich machen, war aber nahe der erlernten Hilflosigkeit. Konnte er wählen, weil er frei war, so auch in der Motiva-Einheit, entschied er sich gegen einen Kontakt mit Menschen. 

Im Laufe der Seminar-Woche änderte sich seine Einstellung dazu. Er zeigte zunehmend Interesse an Franziska und blieb auch mental bei der Sache. Er fing an zuzuhören und ging, wenn auch zögerlich, mit. Angefasst werden wollte er dabei möglichst nicht. Am 4. Tag durfte ich ins Viereck und angeleitet von Gertrud wurde es eine tief bewegende Erfahrung für mich und Flusi. Sogar meine größte Befürchtung, ich würde ihn „im Stopp“ nicht halten können, bewahrheitete sich nicht. Spannend war für mich, wie verblüfft er auf mein „Überholen“ reagierte, schließlich ist „Tempo bestimmen“ sein Thema. In dem Moment jedoch, als wir zum Ende versonnen da standen und er sich von mir am Unterarm kraulen ließ, brach es aus mir heraus. Ich sank in die Knie, er senkte den Kopf und mir flossen nur so die Tränen und ich wusste, dich gebe ich nicht mehr her. Gertrud meinte dann nur laut, ebenfalls sehr gerührt: „Anja, das ist dein Pferd. Er möchte zu dir“. Die Besitzerin hat eingewilligt und er wurde mein und trägt jetzt den lateinischen Namen „Fideles“, was „die Gefährten, die Getreuen“ bedeutet.

 

Sehr geholfen hat mir bei der Entscheidung die Familie Pysall: Wir vereinbarten, dass er direkt bleiben kann. Er kam dort in Therapie und es war auch die 12-köpfige Wallachherde, die ihm sehr geholfen hat. Franziska lehrte ihm über Motiva seine Sprache und ich fuhr über ein Jahr lang einmal die Woche nach Spenge und verbrachte qualitätsvolle Zeit mit ihm. Unter der Anleitung von Franziska trat ich über Motiva mit ihm – zunehmend erfolgreich – in den Dialog. Im Herbst 2017 kam Fideles dann zu unserer Bereiterin nach Edewecht. Sie hat ihm mit viel Geduld und Feingefühl das „Reitpferd sein“ gelehrt. Laut ihrer Aussage brauchte Fideles für jeden noch so kleinen Lernschritt deutlich länger als andere Pferde, aber wenn, dann saß das Gelernte bombenfest. 

Und so ist es noch heute. Mittlerweile reite ich ihn seit einem Jahr regelmäßig und er ist das mutigste und neugierigste Pferd, das ich je reiten durfte. Ich kann alles mit ihm ausprobieren, er ist immer aufgeschlossen und gibt immer mehr, als ich erwartet habe. Sogar meine Kinder (3 und 5 Jahre alt) trägt er verantwortungsvoll auf dem Sattel mit sich. Er ist umgänglich, sozial, liebenswürdig, charakterfest und es freut mich, dass er seine wahre Persönlichkeit ausleben kann. Manchmal ist er ein Clown, manchmal ein Charmeur (er ist sehr zärtlich mit den Stuten) und immer gut gelaunt.

 

Ein Pferd, das mir auch in persönlichen, schweren Zeiten sehr geholfen hat. Vom Traumapferd zum Traumpferd und das alles verdankte ich Gertrud und Franziska Pysall und ihrem Motiva-Training."

(Text: Anja Jakubeit)