Was kann ich tun? Mein Pferd geht nicht allein ins Gelände!

Freizeitreiter träumen davon, alleine mit Ihrem Pferd durch die Natur zu reiten und dabei in trauter Zweisamkeit entspannen zu können. Viele Reiter können diesen Wunsch mit ihrem Pferd wahr werden lassen. Aber andere nicht! Das Pferd geht nicht allein ins Gelände oder ist dann nervös. Es will umdrehen, wegrennen oder steigen. Viele Pferde plustern sich auf und erschrecken vor jedem Busch. So sieht kein harmonischer Sonntagsausritt aus. Doch haben diese ReiterInnen einfach nur Pech und das falsche Pferd? Nein! Jedes Pferd kann gelassen ins Gelände gehen zu einem entspannten Ausritt.

Viele Tipps aber keine Lösung

Sucht man in der Literatur oder im Internet, findet man schnell einige Tipps und Tricks für dieses Problem.

Ein häufiger Ratschlag: Sei einfach locker und entspannt! Das Pferd reagiert dann darauf und passt sich an. Es hat keinen Stress mehr!

Leichter gesagt, als getan. Wie soll ich locker sein, wenn ich eigentlich angespannt bin? In Wirklichkeit geht das nicht. Man kann dem Pferd nichts vorspielen.

Also weiter recherchiert! Schon bald stößt man auf verschiedene Methoden, einem Pferd beizubringen, wie es allein ins Gelände geht, ohne sich aufzuregen:

  • Steigere die Länge der Ausritte. Fang erst mit 5 Minuten an und dann immer mehr!
  • Reite ein hektisches Pferd bergauf, damit es weniger rennt.
  • Lass das Pferd niemals bei der vermeintlichen Gefahr davonrennen, damit es nicht den Schluss zieht, dass es wirklich gefährlich ist!
Die Liste lässt sich noch ewig ergänzen. Doch alle diese Tipps haben eins gemeinsam:
Sie bearbeiten das Symptom – das Pferd ist mit dem Menschen im Gelände unsicher!
Es wäre jedoch schlauer, an die Ursache zu gehen und diese zu verändern. Wenn ein Pferd nicht allein vom Stall weggeht, dann heißt das eins:
Das Pferd hat kein Vertrauen zu dem Menschen.
Viele Reiter sagen dann: „NEIN! Mein Pferd vertraut mir schon! Es gibt mir die Hufe, es geht mit mir in den Anhänger …“ Aber wenn man genau hinschaut, muss man leider ernüchtert zugeben: Das ist das Ergebnis eines Trainings.

Selbstvertrauen und Vertrauen

Um zu verstehen, warum es sich tatsächlich um mangelndes Vertrauen handelt, wenn das Pferd nicht ohne Begleitung von anderen Pferden ins Gelände geht, nutzt es, wenn man das Bild in die Menschen Welt überträgt. Dann wird es ganz deutlich.

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer fremden Stadt und finden sich nicht zurecht. Sie haben Hunger und wissen nicht, wo Sie etwas zu essen bekommen können. Sie fragen einen Passanten, ob er Ihnen weiterhelfen kann. Er sagt, er wolle eh Mittagessen und meint, Sie könnten ihm folgen, direkt um die Ecke sei ein kleines Restaurant. Da ihr Gegenüber einen freundlichen Eindruck macht, folgen Sie ihm und denken, das Risiko sei sehr gering. Tatsächlich befindet sich an dem besagten Ort ein Lokal. Sie essen dort und anschließend lädt Ihr Gegenüber Sie zu sich nach Hause ein. Er beschreibt die Hütte zwar als sehr abgelegen und einsam, aber dass es nicht schlimm sei - er kenne sich ja aus!

Würden Sie ihm da auch hin folgen? Wahrscheinlich nicht! Warum? Weil Sie ihm nicht vertrauen. Sie haben sich und der Situation vorher vertraut, als Sie ihm zu dem Restaurant gefolgt sind. Sie waren sich sicher, dass dabei nicht viel passieren könne. Sie haben sich jedoch dagegen entschlossen, mit dem Fremden zur Hütte zu gehen, weil das Risiko zu hoch war. Sie würden die Kontrolle abgeben, ohne zu wissen, ob nichts Schlimmes passiert.

 

An diesem Beispiel sieht man, wie ein Miteinander zweier Personen ohne Vertrauen funktionieren kann, selbst wenn man einander fremd ist. Allerdings nur bis zu dem Punkt, an dem man ohne Vertrauen nicht weiter kommt.

Genauso geht es unseren Pferden auch:

Wenn sie eine Situation kennen oder etwas Fremdes als ungefährlich einstufen, dann haben sie keinen Stress. Sie haben Vertrauen in sich und die Situation. Schwierig wird es dann, wenn das Vertrauen fehlt. Es kann beispielsweise sein, dass das Pferd durch ein Training oder generelles Vertrauen in sich selbst und die Welt einen Pferdehänger ganz ungefährlich findet und einfach zu verladen ist und auch Hufe auskratzen, Reiten und Bodenarbeit keine Probleme darstellen, aber das Pferd trotzdem aus Unsicherheit nicht allein ins Gelände geht. Es ist wie in dem Beispiel der einsamen Hütte mit dem Fremden. Man befindet sich in einer Situation, die man ohne Vertrauen nicht meistern kann. Ist ein zweites Pferd dabei, so kann das erste Pferd sich durch dessen Souveränität überwinden oder dessen Anwesenheit wieder in sich und die Situation vertrauen. Sie würden bei dem Hüttenbeispiel vielleicht auch anders entscheiden, wenn Sie einen Begleiter hätten.

Wenn das Pferd nun nicht allein vom Stall weggeht, dann hat man nur zwei Möglichkeiten: Man trainiert sein Pferd solange, bis es bestimmtes Verhalten zeigt, wobei anzumerken ist, dass ein Training nur bis zu dem Punkt möglich ist, an dem Vertrauen notwendig wird. Hier endet der Erfolg von Konditionierung oder Schulung.

Besser und nachhaltig wäre das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen, um auch solche Situationen ohne vorheriges Training einfach auf dieser Basis des Miteinanders meistern zu können.

Wenn Pferde untereinander vertrauen, dann deswegen, weil sie wissen, dass das andere Pferd unterschiedliche Kompetenzen hat, die Sicherheit bieten.

So bewachen Pferde einander im Schlaf. Das schlafende Tier vertraut in dem Moment dem Artgenossen sein Leben an. Bei domestizierten Pferden ist die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich eine Gefahr droht, sehr gering. Bei einem Wildpferd sieht das jedoch anders aus. Deswegen sagt der Instinkt auch unseren Pferden, dass Schlafen ein gewisses Risiko birgt. Das schlafende Tier muss also dem Bewachenden zutrauen, die Situation bewerkstelligen zu können. Das Tier, welches sich zu Ruhe begibt, muss darauf vertrauen, dass das andere Pferd die Verantwortung übernimmt und situationsabhängig richtig handelt. So muss ein Pferd beispielsweise bei drohender Gefahr rechtzeitig Alarm schlagen.

Die Führungskompetenz im Alltag

Wenn wir als Mensch das Vertrauen des Pferdes gewinnen wollen, dann müssen wir uns als vertrauenswürdig erweisen. Vertrauenswürdig sind wir, wenn das Pferd merkt, dass wir es verstehen und uns an die sozialen Regeln der Pferdewelt halten. Es reicht allerdings nicht aus, bloß die Regeln und Rituale zu kennen und zu befolgen. Vielmehr muss man sich auch als kompetent im Sinne eines Entscheidungsträgers erweisen. So ist es von Nöten alle Anfragen des Alltags, die das Pferd an uns Menschen stellt, als solche zu erkennen und sinnvoll zu beantworten, indem man sich als redegewandt und ranghöher darstellt.

Ein Beispiel aus dem Alltag:

Sie putzen Ihr Pferd. Um nicht immer um das Pferd herum laufen zu müssen, tauchen Sie unter dem Hals des Pferdes her. Das ist bequem und wird in den meisten Reitställen so vermittelt. Unglücklicherweise ist das für die Pferde nicht bloß ein „praktischer Weg“, wie für uns Menschen, sondern eine Aussage, die der Mensch gerne mitteilen möchte.

Pferde heben den Kopf über ein anderes und machen dieses damit zum Untertan. Ein ranghohes Pferd würde es vereiteln, wenn ein rangniedrigeres versucht, das Gleiche zu tun. Wenn wir Menschen unter dem Hals herlaufen, unterwerfen wir uns freiwillig. Das ist nicht geschickt und aus Sicht des Pferdes keineswegs kompetent. Darum sollte man um das Pferd herum gehen und ein „Kopf über sich heben“ verhindern, indem man den Arm nach oben streckt.

 

Es gibt noch viele weitere „Kleinigkeiten“, die man aus Routine immer macht und die aus Sicht des Pferdes Demutsgesten sind. Man stellt sich dabei unbewusst als inkompetent und rangniedrig dar. Solch einer Person traut das Pferd keine Führungskompetenz zu und kann demnach auch kein Vertrauen haben, auf das man zurückgreifen kann.

Demzufolge muss der Mensch die „Kleinigkeiten des Alltags“ erkennen und mit ihnen richtig umgehen. Wenn der Pferdebesitzer sich und die Einstellung zu seinem tollen Pferd verändert, dann wird die Beziehung zwischen den beiden auch eine bessere und vertrautere. Dadurch wird es kein Problem mehr sein, ins Gelände zu gehen. Auch allein.

 

Auf dem Weg bis dahin wird es Ihnen nutzen abzuschnauben (durch lockere Lippen hörbar ausatmen). Sie sagen damit aus: „Mir geht es gut! Ich habe gar keinen Stress.“

Wenn Ihr Pferd zum Beispiel nicht allein ins Gelände gehen möchte, dann können Sie abschnauben. Manchmal hilft das schon. Aber nicht immer reicht abschnauben allein aus, Dennoch ist es ein erster Schritt.

Wie oben bereits erläutert, müssen auf diesen ersten Schritt weitere folgen. Durch Abschnauben und durch die Vokabel „Kopf drüber heben“ kann man in die Welt der Pferdesprache einsteigen. Man sieht plötzlich Pferde und besonders das Eigene mit anderen Augen und erlebt Dinge, die man vorher für unrealistisch gehalten hätte. Nach und nach kommen immer mehr Vokabeln und Regeln hinzu, wodurch auch Probleme wie:

Das Pferd geht nicht allein ins Gelände der Vergangenheit angehören.

Motiva-Training® als Wegbereiter

Gertrud Pysall hat seit nunmehr 20 Jahren die Sprache der Pferde, mit ihren über 130Vokabeln, den sozialen Regeln und Ritualen, erforscht und das Motiva-Training® entwickelt. Hierbei lehrt sie den Menschen diese Sprache und zeigt, wie eine gewaltfreie Kommunikation zwischen Mensch und Tier möglich ist. In Ihrem Buch „Das Geheimnis der Pferdesprache“ geht sie detailliert auf die Fehler des Alltags ein und schafft so einige Missverständnisse in der Beziehung zwischen Mensch und Pferd aus dem Weg. Das Ziel ist es, den Pferdebesitzer zu einemkompetenten und verständnisvollen Menschen zu machen, der die Rolle der Führungspersönlichkeit ausfüllen kann. Dadurch wird das Pferd ausgeglichener, zufriedener und glücklicher. Denn Pferde wollen verstanden werden.